Roman Südwärts, dann links

Mitte dreißig und erfolgreich. Das ist Marc Schilling. Genau genommen war er erfolgreich. Bis irgendwann nichts mehr klappt in seinem Job bei der Werbeagentur Kai & Mole. Als auch noch die Akquise der spanischen Künstlerin Amparo Orihuela scheitert, findet Marc sich selbst plötzlich arbeitslos mitten auf der Iberischen Halbinsel wieder.
So schnell wie möglich will Marc die Sicherheit in seinem Leben zurückbekommen. Weil Amparo verspricht, von einer Beschäftigung für Marc in Andalusien zu wissen, lässt dieser sich mit dem Mut der Verzweiflung auf ein Wagnis ein: Marc begleitet die mysteriöse Künstlerin auf eine abenteuerliche Reise voller Begegnungen quer durch das Land, in der Hoffnung, einen neuen Job zu finden. Was Marc tatsächlich findet, ist etwas ganz anderes …

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Das Dröhnen kam langsam näher. Träge rollte es heran wie ein schläfriges Ungeheuer, wurde plötzlich von einem Moment auf den anderen lauter, wurde zu einem ohrenbetäubenden Donnern – und war vorüber.
Mit aufgerissenen Augen sah der Junge dem emporsteigenden Flugzeug nach, während sei-ne Hände sich in das Geflecht des Maschen-drahtzauns krallten. Er stand ganz still, bis das Flugzeug in eine tief hängende weiße Wolke eintauchte. Dann drehte er sich um und rannte durch das hohe Gras zu seinem Vater.
«Wie schaffen die das?», fragte er ganz außer Puste.
«Wie schaffen die was?»
«Na, die Flugzeuge», antwortete der Junge un-geduldig. «Wie schaffen die es, in die Luft zu fliegen?»
«Sie können fliegen, weil sie Flügel haben, ganz einfach», erklärte der Vater. «Wie die Vö-gel, die können auch fliegen.»

«Die Vögel flattern aber», sagte der Junge und bewegte dabei seine Arme auf und ab.
«Genau. Vögel müssen flattern. Flugzeuge müssen das nicht.»
«Warum?»
«Weil es…», der Vater schob mit dem Zeige-finger seine Brille nach oben, «weil es ein ande-res Prinzip ist.»
«Was für ein Prinzip?»
Hörbar atmete der Mann aus. «Es hat etwas mit der Geschwindigkeit zu tun. Ein Flugzeug ist sehr schnell, weißt du. Es rast über die Start-bahn und dann hebt es ab.»
«Rennautos können aber nicht fliegen. Und die fahren auch schnell. Sehr schnell.»
Der Mann verzog den Mund zu einem schiefen Grinsen. «Das stimmt, Rennautos sind auch sehr schnell. Aber das ist etwas anderes. Bei Flugzeugen ist es irgendwas mit… mit Auf-trieb.» Dann fuhr er dem Jungen durchs Haar. «Apropos Auftrieb, wir treiben uns hier schon viel zu lange herum. Wir müssen nach Hause. Auf geht’s.»

Der Junge sah noch einmal hinauf in den Himmel.
Das sollte das Geheimnis der Flugzeuge sein? Diese Antwort gefiel ihm nicht. Überhaupt nicht.

Der Tag an dem Marc Schilling jene seltsame Idee in die Tat umsetzte, war ein Dienstag. In den Vorgärten blühten üppig die Fliederbüsche, Rhododendren und Magnolien, und die feucht-warme Frühlingsluft, aus der die aufgehende Sonne gerade erst die Schatten der Nacht ver-scheucht hatte, war erfüllt vom Duft der Blüten.
Man könnte sich ein Stück Blütenduft aus der Luft herausschneiden und es mit nach Hause nehmen, für später, dachte Marc, während er mit seinem Rollkoffer zur Haltestelle der S-Bahn eilte. So wie man auch ein Stück aus einer Torte herausschneidet. Dieser Gedanke war seltsam und darüber hinaus völliger Blödsinn, das wusste Marc Schilling sehr genau, schließlich war die Luft über Hamburg kein großes Kondi-tormeisterwerk, das man beliebig zerteilen und portionsweise in die eigene Tasche stecken konnte. Ganz zu schweigen davon, dass Luft flüchtig war. Oder war sie es etwa nicht?

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